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Am Anleger direkt an der Elbe: Lars Strüning (rechts) hat die Filipinos mit dem Oase-Bus zurück zum Schiff gebracht. Fotos Strüning/Daniel Berlin |
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Mr. Otto an seinem Lieblingsplatz mit einer Handvoll Dollar nach dem Bierverkauf. |
TAGEBLATT-Redakteur
Lars Strüning auf Extratour
Was hat er
nicht schon geschuftet und geschwitzt während seiner
Extratouren. Diesmal schob TAGEBLATT-Redakteur Lars Strüning
eine ruhige Kugel. "Oase" hieß sein Ziel, der
Seemannsclub am Bützflether Hafen. Viel zu tun hatte er nicht,
aber viel erfahren hat er vom Leben auf hoher See und dem wichtigen
Gang an Land. Hier sein Bericht von Karaoke singenden Filipinos,
typischen Zivi-Arbeiten und ganz viel Ruhe.
Bogdan, der Maschinist
des norwegischen Tankers an der Dow-Pier, genießt das
Feierabendbier. Sein Blick schweift durch die bunt bestückten
Räume der Seemannsmission Oase am Eingang zum Stader
Industriehafen. Dann fängt er an zu erzählen. Freundlich
und entspannt. 27 Jahre fährt er zur See, jetzt reicht's. Diese
Fahrt ist sein letzte. Naja, vielleicht noch eine, dann ist aber
wirklich Schluss. Acht Wochen dauert ein Törn. Spanien,
Frankreich, Bützfleth. Zu Hause in Gdynia (Polen) ist er
selten.
Ernst-Otto Oberstech und ich hören dem lang gereisten
Seemann zu. Dann ist wieder Ruhe. "Alarm haben die genug auf dem
Schiff," sagt der Seemannsdiakon, der als Mr. Otto unter den
Seefahrern bekannt ist. Mit geht derweil ein Licht auf. "Oase"
nennt sich die Seemannsmission, wie passend. Auch für mich. Der
Redaktionshektik entflohen, genieße ich einen ungewöhnlich
ruhigen Tag während meiner Extratour. Dabei hatte ich mich doch
zum Mithelfen bei Otto angemeldet. Dessen Devise: "Abwarten".
Also
warten wir. Von 16 bis 19 Uhr passiert so gut wie nichts. Ich spiele
Basketball und rede mit Kater "Kleinman" - und natürlich
mit Otto. Dann gibt es selten hohen Besuch. Ein Kapitän! Wieder
ein Pole, er kommt gerade aus Antwerpen, muss mit dem Löschen
der Ladung seiner "Rossini" warten. Ein belgischer
Vorgesetzter sowie Führungskräfte aus der Ukraine und er
fallen sich fröhlich in die Arme. Die Männer kennen sich.
Man trifft sich in der Oase, dem Hort der Gemütlichkeit jenseits
des stressigen Arbeitsalltags. Otto sagt, die Oase sei eine Mischung
aus Kneipe und Jugendzentrum für Erwachsene. Die Runde tagt den
ganzen Abend bei Bier und Fachsimpelei.
Neben mir wird Otto
langsam unruhig. Wo bleiben die Filipinos? Heute Abend kochen drei
Frauen des deutsch-filipinischen Freundschaftsvereins ein
landestypisches Mahl, dann gibt's Karaoke. Die Filipinos lieben es.
Doch die Truppe von der "Orange Trident", die am Abend
zuvor die Seemannsmission mit Leben erfüllte, hat heute bis 20
Uhr Dienst. Die Party beginnt später.
Ich suche nach Arbeit,
räume Bierflaschen weg, dränge mich den Frauen in der Küche
auf. Die winken fröhlich ab. "Du kannst die Messer
schärfen", sagt Juliane zu mir, um mich nicht zu
enttäuschen. Dann erfahre ich noch, dass Marylin ihren Namen
tatsächlich von der Monroe hat. Naja, eigentlich von ihrem
Vater, der wegen des Korea-Krieges als Soldat wirklich mit dem
Filmstar aus Hollywood getanzt haben soll und unsterblich verliebt
war. Seemannsgarn? Egal, ist eine schöne Geschichte.
Otto
thront auf seinem Lieblingsplatz an der Kasse, nimmt fürs Bier
1,50 Euro. Das Geld kann die Mission gut gebrauchen.
Am Vormittag
hatten wir die Einnahmen vom Wochenende gezählt. 952 Dollar
konnte Otto auf das Volksbank-Konto in Bützfleth einzahlen.
Dollar sind die weltweite Währung der Seeleute. Nur in
Deutschland kommen sie zu ihrer Verwunderung damit nicht weit. Weil
sie kein Konto bei den Banken hier haben, können sie keine Euro
eintauschen. Die Seemannsmission springt ein und fungiert als
Wechselstube.
Otto und ich müssen den Abend vorbereiten. Ich
darf den blauen VW-Bus des "Seamen's Club Bützfleth"
fahren. Oder besser: Der dauerrauchende Otto lässt sich
kutschieren. Es geht zum Tanken und Einkaufen. Otto geht vorweg durch
die Gänge des Handelshofes, grummelt etwas in seinen Bart, biegt
unvermittelt ab und sammelt Ware ein. Ich schiebe wie eine treue
Seele den Einkaufswagen hinter ihm her. Otto vermisst seinen Zivi.
Durch die Wehrdienst-Reform fehlt ihm der Handlanger. Da komme ich
gerade gelegen. Immerhin: Ich darf, begleitet von seinem Schmunzeln,
"in eigener Verantwortung" die Pakete mit der
Ritter-Sport-Schokolade aussuchen. Sie sind neben dem Bier der
Verkaufsschlager der Oase. Die Ware ist verpackt und ab geht's zurück
ins frisch gesäuberte Seemannsheim.
Das war meine erste
Aufgabe. Zur Begrüßung hatte mich Otto aufgeklärt.
"Es gibt einen, der die Arbeit plant, und einen, der sie
ausführt." Ich verstehe schnell, und gehe mit dem nassen
Wischer über die Fußböden, von Flur, Toiletten und
Küche und bin mir sicher: So sauber war es hier noch nie, na,
zumindest so nass. "Wische-wische" heißt das im
Oasen-Jargon. Dann noch "mülle-mülle", also den
Müll am Hafen entsorgen.
Die Oase öffnet erst um 16 Uhr
wieder, ich habe drei Stunden Mittagspause. Dass sich ab 16 Uhr
nichts tut, konnte keiner planen. Eigentlich hätte ich die
Seeleute zum Einkaufen nach Bützfleth fahren sollen. Der Penny
ist sehr beliebt. Doch die Kundschaft bleibt aus.
Am Abend zeigt
sich dann die wahre Rolle der Oase. Rund 20 Seeleute kommen zu
Besuch, kaufen sich Sim-Karten, um mit dem eigenen Laptop und
Web-Kamera oder per Handy nach Hause zu telefonieren. "Ein
Gespräch nach China kostet nur 5,7 Cent pro Minute", sagt
Otto. Das helfe, die Isolation der Seeleute zu durchbrechen. Monate
sind sie auf See, von der Heimat und ihren Familien getrennt. An Bord
gibt es kein Privatleben. Da ist der Landgang wie ein Aufatmen, die
Oase ein gern angesteuerter Anlaufpunkt. Otto hält sich zurück,
heißt die Gäste willkommen, fragt kurz nach, mit welchem
Schiff und aus welchem Land sie kommen, und lässt sie dann in
Ruhe.
24 Jahre macht er diesen Job schon. In der Zeit hat sich
vieles verändert. Die zunehmende Technisierung, der Rückgang
der deutschen Seeleute, die Sicherheitsansprüche auch am
Bützflether Hafen. Eins ist geblieben: den Seeleuten ein
bisschen Normalität zu bieten. Otto weiß: Zur See fahren
ist nicht nur ein Beruf, es ist ein Lebensstil.
Zurück in die
Oase. Die filipinische Suppe mit Ingwer und die Nudeln ohne Fleisch
sind schnell verschlungen, dann bittet Otto leicht tänzelnd die
versprengte Gruppe zur Karaoke-Show. Minda als "Lady M."
aus Stade legt vor, die Filipinos lassen sich nicht lange bitten.
Jeder greift einmal zum Mikrofon und trällert Weisen aus dem
Heimatland oder Klassiker wie "I did it my way" von Frank
Sinatra. Dass dabei schief und krumm und teilweise gar nicht gesungen
wird, stört hier niemanden. Hauptsache, sie sitzen in
harmonischer Runde beieinander und haben ein bisschen Spaß. Von
dem bierseligen Grölen deutscher oder englischer Karaoke-Bars
hat das nichts gemein. Filipinos sind eben Menschen der leisen
Töne
Ich finde das liebenswert und frage Otto, welche Rolle
der liebe Gott in der Oase spielt. Der Seemannsdiakon antwortet
streng: "Die Hauptrolle. Wegen ihm machen wir das doch alles
hier."
Der Seemannsclub Oase in
Bützfleth besteht im Sommer seit 25 Jahren. Jedes Jahr wird er
von 4000 Seeleuten aus 40 verschiedenen Ländern besucht. Die
größte Gruppe stellen die Filipinos mit 2000 Menschen. Es
folgen Inder, Chinesen und Burmesen. Deutsche Seeleute landen mit nur
45 Nennungen auf Platz zehn. Die Oase wird betrieben von der
Seemannsmission der Landeskirche Hannover. Übrigens: Die
SPD-Politikerin Margrit Wetzel aus Horneburg ist Vizepräsidentin
der Deutschen Seemannsmission.
Seit 1995 ist die Oase in dem
Neubau am Nordtor der Dow untergebracht. Angefangen hatte alles in
einer Baracke am Elbdeich. Seitdem haben mehr als 100 000 Seeleute
die Oase aufgesucht. Seemannsdiakon Ernst-Otto Oberstech ist sich
sicher, dass mit der Industriehafen-Erweiterung mehr Schiffe und mehr
Personal nach Bützfleth und in die Oase kommen. Erst einmal wird
am 11. September das Jubiläum gefeiert mit einem
Festgottesdienst und Musik in der Bützflether Kirche. Am Tag
zuvor steigt ein Benefiz-Country-Konzert im Fort
Grauerort.
www.seemannsmission.org
26.03.2011